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Zur Weihnachtszeit

Wo einst Herodes seine Steuerbüttel ausschickte, um die Bevölkerung zu zählen, beschäftigen die heutigen Steuerbüttel das gemeine Volk mit Fragenbögen zur Grundsteuer. Weil das steuereintreibende Volk aber damals schon lästig war, zogen Josef und seine schwangere Maria gen Betlehem, blieben mangels Mittel und Unterkunft in einem Stall hängen und was dabei herauskam, ist hinlänglich bekannt. Heutzutage finden wir die tollsten Krippenmodelle (seltsamerweise spricht niemand von Stallmodellen) in der Vorweihnachtszeit, alpenländische, orientalische, nordische, Bauhauskrippen, sogar solche mit Lebkuchenbelag, wobei mir hier der Verdacht nach arger Themenverfehlung aufkommt. Es war nicht Maria, die ausrief: „Knusper, knusper, knäuschen,“ als es klopfte und klopfen taten auch weder Hänsel noch Gretel, sondern erstmal Hirten. Aber natürlich gehört Lebkuchenduft sowohl zu Weihnachten, als auch zu den Gebrüdern Grimm und nein, Maria war eben nicht die Hexe - nur nochmal der Deutlichkeit halber. Möglicherweise mag Josef das zeitweise anders beurteilt haben, überliefert ist es allerdings nicht. Die Zahl der besagten Hirten schwankt heutzutage nach Krippenmodell stark zwischen einem einzigen Hirten und etwa einem Dutzend. Bei Ochs und Esel reichen in einer Krippe zumeist je ein Exemplar, der Stall in Betlehem dürfte mit den beiden Vierbeinern auch schon gut voll gewesen sein, ehe Maria und Josef ankamen. Selbst wenn das mehr ein offener Unterstand gewesen sein dürfte, wenn man die Temperaturen dieser Gegend in Erwägung zieht. Genau hier also bekam die sehr irdische Maria ihr Kind, war selig und dann klopften da eben noch die Hirten an, um zu huldigen und, folgt man dem Matthäusevangelium, auch noch einige Sterndeuter, Könige, Magier – wie auch immer, in unklarer Anzahl. Immer, wenn ich mir diese Szene vorstelle, habe ich mehr so eine Art Markttreiben vor meinem geistigen Auge, als das, was dort vermutlich wirklich geschah - was wir sehen, wenn wir mutig allen Schmuck aus der Geschichte streichen. Es gab keine Geschenke. Es gab keine Pracht. Es gab auch keine Könige. Es war eng, es roch nach Dung und Heu und Maria lag, von der Flucht und der Beschwernis der Geburt ermattet, müde, erschöpft und eigentlich fertig mit der Welt im Stroh und auch im Elend. Josef, die vielleicht meistunterschätzte Figur überhaupt, dessen menschliche Größe gar nicht hoch genug einzuschätzen ist, hatte seiner Frau bis zum Äußersten geholfen, wissend, dass nicht er der Vater des Kindes war, das dort in der Futterkrippe lag, aus der zuvor Ochs und Esel noch gefressen hatten. Welche Fragen mochten ihm im Gesicht gestanden sein, angesichts dieses Wunders und abgesehen von dem "woher" und "wohin", das Flüchtende umtreibt? Das Einzige, wovon diese Nacht wirklich kündete, waren die Armseligkeit eines geflüchteten Paares und ihres neugeborenen Kindes und die Kargheit eines Stalles – die Unscheinbarkeit wäre perfekt gewesen, hätte es da nicht den Glanz von etwas Unglaublichem gegeben, der sich über alles legte. Es ist dieser faszinierende Glanz, die Wucht der frohen Botschaft gerade aus dieser Not heraus, der die Geschichte bis heute trägt. Nicht das Schenken oder Beschenktwerden. Vielleicht kam tatsächlich ein Hirte und bot den beiden armen Menschen seine Hilfe an, etwas Brot, etwas Milch. Gute Worte und eine aufrichtige Reinheit im Herz. Weihnachten kann so viel sein. Selbst wenn es karg ausfällt und man den Versandhandel beiseite lässt.

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